Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg an Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg, Wien am 13.09.1711
Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Kasten blau, 44/10
1Durchleüchtiger Curfürst, mein herzallerlibster herr bruder 2Ich hoffe, dero Liebden kennen meine gegen diselbe bestendig dragende, 3nit allein schwesterlig, sondern auch kintlige lieb, also, hoffe ich, 4werden mihr nit übel nemmen, das ich innen mein 5herz recht eroffne in allen dem, was ich zue den 6gemeinen vndt dero selbst eigen besten errinnern möchte. 7Von Frankfort verlautet, als solten dero Liebden dorten dahin andragen 8laßen zu erleichterung könftiger des Großherzoch Liebden 9contributionen, das von dem curfürstlichen collegio entschiden 10vndt erkleret werden möchte, was vohr stukh seiner länder 11von dem römischen Reich herüren vndt reichs lehen sein vndt wie 12solche könftig zu belegen. Ich aber, obwollen man mihr 13dise nachricht ganz sicher zu sein persuadiren will, kan 14es gahr nicht glauben, weilen dises nicht zu der wahl 15gehöret vndt vill zeit brauchen wurde, selbige zu erörtern 16vndt ville alte vnd newe schrifften müesten vntersuchet
17werden, welche zu Frankfort man nicht haben kan, vndt vill zeit 18zuesammen zu bringen dazu vonöten währe, auch dero Liebden erachten 19können, das selbiges ohne zweifel das gesambte cuhrfürstlige 20colegium zue gemüet gehn wirt, sich darmit nit allein wirt 21beladen wollen, sondern gleich anfangs ab vndt anderwerts 22hin verweißen wirt. Doch bekenne ich dero Liebden, das ich ein wehnig 23in sorgen, nit so vill, weil das wahlwerkh dardurch möchte 24länger verschoben werden, deßen gleichsam iede minuten schädlich ist, 25als das ich förchte, das wan dise nachricht einigen grundt wider verhofen hette, der 26bloße versuch dero Liebden möchte desto mehr in vndt außer Reichs 27prejudiciren, als sie bis dahto so großen ruhm dero eiffer, 28lieb vndt generositet als ein vnvergleichliger patriot 29erzeiget haben vndt dißen ruhm schon aller orten erworben vndt 30solche üble impressionen in denen gemüetern nicht so leicht wider 31außzuleschen sein wurde. Ich glaub zwar, das alle dise 32meine sorgen vergebens sein vndt dero Liebden ganz ander gedanken 33füren, doch ist beßer vohr zu kommen, vndt weil ich dero Liebden so 34herzlich liebe, lieber mehr will förchten vergeblig als an meiner 35trewen erinnerung ermanglen, also dero Liebden inständig bitte, nicht 36allein, wan innen dererley ansuchung anderwerts herkommen 37solte, selbigem kein gehör zu geben, sondern auch im vall, 38gegen alles verhoffen, dißes vohrzubringen oder zu befordern dero
39frankhfortische gesantschafft schon befehlcht währe, ihro es 40alsobalt durch eignen courir widrumb zu verbieten. Dero Liebden 41werden derosolben vndt vnsern curhaus, ja dem ganzen Reich dadurch 42den erschprißlisten dienst leisten, mich aber aus grosen kummer erlosen, 43weilen ich nichts als dero eigen besten verlange nebst der obligation, 44die ich ihnen hochstes haben werde, das meine wehnigste, gewiß aus 45trewen herzen vndt meistens zu dero dienst zilende, 46wollmeinende erinnerungen in dero gemüet einigen plaz finden 47möchten. Erwarte mitt grösten verlangen eine erfreülige 48andtwort, als die ich leben vndt sterben werde 49dero Liebden 50getrewste schwester 51Eleonora 52Wien den 13ten septembris 171153Bitt mich bey dero libsten Curfürstin zu entschuldigen, ist mihr die 54zeit zu curz worden, dan izt gleich zue poßeken vndt 55procession gehen muß, wart schon alls auf mich.


